Konsistenztheorie nach Grawe

 

Klaus Grawe hat mit seiner Konsistenztheorie (2000, 2004) versucht, das psychische Funktionieren des Menschen vor dem Hintergrund der Befriedigung psychologischer Grundbedürfnisse, zu erklären. Er bemühte sich hierbei, seine Theorie erfahrungswissenschaftlich zu untermauern.

 

Grawe zufolge streben alle Organismen nach Konsistenz, d.h. nach einer Passung zwischen den inneren Bedürfnissen (psychische Prozesse) und dem Erleben in der Realität (neuronale Prozesse). Je höher die Konsistenz ist, desto gesünder ist der Organismus. Neben dem Streben nach Konsistenz, welches auf der Systemebene abläuft, unterscheidet Grawe drei weitere Ebenen:

 

Die erste Ebene bilden hierbei die Grundbedürfnisse, deren Befriedigung die größte Wichtigkeit hat. Grawe geht davon aus, dass es insgesamt vier Grundbedürfnisse gibt:

 

  1. Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
  2. Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung
  3. Bedürfnis nach Bindung
  4. Bedürfnis nach Selbstwertschutz und Selbstwerterhöhung.

 

Die Grundbedürfnisse sind universell bei jedem Menschen zu finden. Die Methoden und Wege, diese Grundbedürfnisse zu befriedigen, sind jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Sie sind u.a. abhängig von seinen Sozialisationserfahrungen.

 

Auf der nächsten Ebene finden sich daher die sogenannten motivationalen Schemata, welche sich im Laufe der Entwicklung, in Interaktion mit der Umwelt, bei allen Menschen entwickeln. Diese lassen sich unterteilen in:

 

  1. Intentionale Schemata (Annäherungsziele) und
  2. Vermeidungsschemata (Vermeidungsziele)

 

Die Annäherungsziele dienen dazu, die Grundbedürfnisse der Person zu befriedigen. Die Vermeidungsziele hingegen dienen dem Schutz vor Bedrohung, Verletzung oder Frustration der Grundbedürfnisse. In der Regel sind beide Systeme gleichzeitig aktiv und der Organismus strebt nach einer optimalen Bilanz zwischen allen aktivierten motivationalen Zielen. Die einzelnen Schemata können jedoch auch sehr unterschiedlich  stark ausgeprägt sein bei verschiedenen Menschen, je nachdem, welche prägenden Erfahrungen sie gemacht haben. So gibt es Menschen mit besonders stark entwickelten Vermeidungszielen und wieder andere, deren Annäherungsziele überwiegen.

 

Diskordanz liegt dann vor, wenn  Schemata bzw. Ziele untereinander in Konflikt geraten, d.h. wenn z.B. Annäherungs- und Vermeidungsziele gleichzeitig aktiviert werden und sich dadurch gegenseitig hemmen. Die motivationalen Konflikte können jedoch auch untereinander (Annäherungs-/ Annäherungskonflikt, Vermeidungs-/ Vermeidungskonflikt) bestehen.

 

Auf der dritten Ebene werden die motivationalen Ziele mit den realen Wahrnehmungen abgeglichen (Ebene des  Erlebens und Verhaltens). Stimmen die Annäherungsziele und die realen Erfahrungen nicht überein, dann entsteht Inkongruenz. Das heißt, die motivationalen Ziele werden nicht erreicht. Hieraus resultieren u.a. negative Emotionen.  Konsistenz entsteht dann, wenn  Grundbedürfnisse ausgeglichen und  motivationale Ziele erreicht werden. Ist das Ziel  (Konsistenz) erreicht, kommt es zu positiven Emotionen.

 

Inkonsistenz ergibt sich aus Inkongruenz und Diskordanz und gilt als wichtiger Faktor bei der Entstehung psychischer Störungen.

 

Therapeutische Relevanz: Mit Hilfe der vertikalen Verhaltensanalyse oder Plananalyse können zu Beginn der Therapie Annäherungs- und Vermeidungsziele herausgearbeitet werden und hierdurch Inkonsistenzen und motivationale Konflikte aufgedeckt werden.

 

Grawe geht zudem davon aus, dass eine Therapie dann wirkungsvoll ist, wenn die Konsistenzerfahrung gesteigert wird. Dies geschieht auf zwei Arten:

 

  1. Indem Inkongruenzquellen reduziert werden (d.h. zum Beispiel, motivationale Konflikte aufgelöst werden)
  2. Und es zu bedürfnisbefriedigenden Erfahrungen kommt (d.h. Bedürfnisbefriedigung unter anderem durch komplementäre Beziehungsgestaltung).

 

Die Therapie nach der Konsistenztheorie wird auch als Neuropsychotherapie bezeichnet, weil sich die Veränderungsprozesse auch auf der neuronalen Ebene im Gehirn abzeichnen. Sichtbar gemacht werden kann dies u.a. mit Hilfe der Methode des Neurofeedbacks.

 

Quelle: Grosse, Holtforth & Grawe (2004, S.11)
Quelle: Grosse, Holtforth & Grawe (2004, S.11)

Falls Fragen oder Anregungen zu diesem Modell entstehen, kann dieser Bereich genutzt werden, um diese eventuell gemeinschaftlich zu klären oder um sich gemeinschaftlich auszutauschen.

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Quellen:

 

Grawe, K. (2000). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe-Verlag.

 

Grosse Holtforth, M. and K. Grawe (2004). Konfliktdiagnostik aus der Perspektive der Konsistenztheorie. Lernen an der Praxis. OPD und Qualitätssicherung in der Psychodynamischen Psychotherapie. R. W. Dahlenbender, P. Buchheim and G. Schüssler. Bern, Huber.


Grosse Holtforth, M. and K. Grawe (2004). "Inkongruenz  und Fallkonzeption in der Psychologischen Therapie." Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis 36(1): 921.

 

Kandale, O. & Rugenstein, K. (2016). Das Repetitorium - Lehr- und Lernbuch für die schriftlichen Abschlussprüfungen zum Psychologischen Psychotherapeuten und zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Berlin: Deutscher Psychologen Verlag GmbH.