Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter

Aktuell wird in Fachkreisen sehr kontrovers disskutiert, ob eine Persönlichkeitsstörung schon vor dem 16. Lebensjahr diagnostiziert werden sollte.

 

Beteiligen sie sich an der Diskussion im  Disskussionsbereich !

 

Argumente dagegen:

  1.  hat eine so frühe Diagnostizierung eine frühzeitige Etikettierung zur Folge und
  2. ist eine Differenzierung zwischen einer Persönlichkeitsstörung und einer temporären Entwicklungskrise mitunter sehr schwierig.

Argumente dafür:

  1. frühere gezielte therapeutische Interventionen möglich
  2. Verlaufsverbesserung wäre möglich
  3. es existieren bereits im Jugendalter persönlichkeitsbedingte Problemverhaltensmuster, die Persönlichkeitsstörungen bei Erwachsenen stark ähneln (Bsp: Symptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung im Jugendalter gleichen den Symptomen der Borderline-Persönlichkeitsstörung im Erwachsenenalter)

Studien belegen, dass die Symptome einer Persönlichkeitsstörung am höchsten in der frühen Adoleszenz ausgeprägt sind (siehe Children in the Community Study, CIC von Cohen, Crawford, Johnson & Kasen, 2005).

Entgegen der aktuell vorliegenden Befunde, dass Persönlichkeitsstörungen sich im Verlauf verändern können und somit keine Zustände darstellen, die ein Leben lang stabil bleiben (siehe Collaborative Longitudinal Personality Disorders Study, Skodol et al., 2010), ist in der ICD-10 noch die Auffassung vertreten, dass es sich um stabile Verhaltensmuster handelt.

 

Probleme der Diagnostik

Im Erwachsenenalter werden Persönlichkeitsstörungen anhand eines strukturierten Interviews,  z.B. SCID-II (Wittchen et al., 1993) erfasst.

 

Das derzeitige Problem für die Diagnostik im Jugendalter liegt darin, dass es keine Instrumente gibt, die speziell für das Jugendalter konzipiert sind.

 

Somit erhalten aktuell signifikant mehr Jugendliche die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung, d.h. die Prävalenzrate in klinischen Stichproben ist überraschend hoch.

 

Ein weiteres Erfassungsinstrument im deutschsprachigem Raum stellt das IPMS (Inventar zur Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen und -störungen) dar. Dieses basiert auf dem IPDE (International Personality Disorder Examination, Loranger et al., 1994).

 

Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung darf im Jugendalter nur dann erteilt werden, wenn die für die jeweilige Störung geforderte Mindestanzahl an Kriterien erfüllt ist und das vorliegende Verhaltensmuster andauernd, situationsübergreifend und durchgehend ist.

 

Einzige Ausnahme bildet die Diagnose "antisoziale Persönlichkeitsstörung", welche ausdrücklich erst ab einem Alter von 18 Jahren gegeben werden darf.

 

 

SKID-II
SKID-II
 Exkurs
SKID-II : Strukturiertes Klinisches Interview für DSM-IV, Achse II: Persönlichkeitsstörungen (Fydrich et al., 1997)
  • international bekanntes Interviewverfahren
  • erfasst die 10 Persönlichkeitsstörungsdiagnosen, sowie 2 zusätzliche Persönlichkeitsstörungen, die im Anhang des DSM-IV aufgeführt werden
  • ermöglicht dimensionale Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen
  • Nachteil: bisher nicht bei Jugendlichen eingesetzt im deutschsprachigem Raum
  • zweistufiges Verfahren: Fragebogen + Interview
  • akzeptable bis gute Retest-Reliabilität und Interrater-Reliabilität

 

Differentialdiagnose / Komorbidität

Bezüglich der Komorbidität wurden sehr hohe Überschneidungen von Persönlichkeitsstörungen und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung), mit Essstörungen und mit posttraumatischen Belastungsstörungen gefunden.

 

Die häufigsten Formen der Persönlichkeitsstörungen die sich mit Esstörungen überschnitten waren die Borderline Persönlichkeitsstörung, die selbstunsichere Persönlichkeitsstörung und die depressive Persönlichkeitsstörung.

 

Eine hohe Komorbidität zeigt sich auch zwischen ADHS und der antisozialen Persönlichkeitsstörung.

 

Differentialdiagnostisch muss unterschieden werden zwischen der Borderline-Perönlichkeitsstörung und einer Traumatisierung (Posttraumatischen Belastungsstörung).

 

 

Quellen:

 

Cohen, P., Crawford, T.N., Johnson, J.G. & Kasen, S. (2005). The Children in the Community Study of development course of personality disorder. Journal of Personality Disorders, 19, 131-140.

 

Krischer, M., Sevecke, K., Döpfner, M. & Lehmkuhl, G. (2006). Persönlichkeitsstörungsmerkmale im Kindes-und  Jugendalter: Konzepte, methodische Ansätze und empirische Ergebnisse. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 34 (2), 87-100.

 

Salbach-Andrae, H., Bürger, A., Klinkowski, N., Lenz, K., Pfeiffer, E., Fydrich, T. & Lehmkuhl, U. (2008). Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter nach SKID-II. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 36 (2), 117-125.

 

Sevecke, K., Lehmkuhl, G., Petermann, F. & Krischer, M.K. (2011). Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter. Kindheit und Entwicklung, 20(4), 256-264.

 

Skodol, A.E., Shea, T., Yen, S., White, C.N. & Gunderson, J.G. (2010). Personality disorders and mood disorders: Perspectives on diagnosis and classification from studies of longitudinal course and familial associations. Journal of Personality Disorders, 24, 83-108.

 

Bildquelle:

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