Formen der Persönlichkeitsstörungen

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

ICD-10  : F60.8 ("andere spezifische Persönlichkeitsstörungen")

 

DSM-IV: Cluster B, Achse II

 


Gesunder Narzissmus

 

Stellen Sie sich einmal vor, Sie kommen am Abend nach einem langen Arbeitstag nach Hause, ihr Partner wartet bereits auf Sie. Auf der Arbeit haben sie es geschafft ganz allein eine besonders schwierige Aufgabe zu lösen, einen großen Auftrag an Land zu ziehen oder eine seltene Krankheit zu diagnostizieren. Sie sind unglaublich stolz auf ihre Leistung und wollen dies deshalb unbedingt ihrem Partner erzählen.

Welches Ziel verfolgen Sie nun aber damit, dass sie Ihrem Partner davon berichten? Einerseits könnte es sein, dass Sie von ihm bewundert werden möchte für ihre großartige Leistung, andererseits erhoffen sie sich vielleicht auch Anerkennung und Lob für ihren Erfolg.

 

Jeder Mensch strebt in einem gewissen Maße nach Bedeutung, d.h. wir wollen wichtig sein für diejenigen, denen wir nahestehen, wir wollen Ziele verfolgen, die dazu führen, dass wir von anderen bewundert werden und wir wollen uns selbst verwirklichen. [1] Narzisstische Züge stecken somit in fast jedem Menschen, da es ein Grundbedürfnis des Menschen ist, seinen Selbstwert zu erhöhen und auf ein optimales Niveau seines Selbstsystems zu achten. Um dieses Ziel zu erreichen bedarf es anderer Menschen durch die wir Anerkennung erhalten. Erhalten wir diese Anerkennung, so fühlen wir uns sicher, geborgen und wohl. Unser Selbstwertgefühl ist stark abhängig von äußeren Erfahrungen. Es wird aufgewertet wenn wir Lob, Erfolg und Bestätigung erhalten und abgewertet bei Kritik und Kränkungen. Die Selbstregulation dient der Aufrechterhaltung unseres narzisstischen Gleichgewichts, d.h. in Zeiten wo es zu einer Abwertung unseres Selbstwertgefühls kommt durch z.B. Kritik oder Misserfolg, greifen wir auf unsere positiven Seiten zurück, machen uns selbst wieder Mut und trösten uns. Ein gesunder Narzissmus bedeutet demnach Vertrauen in sich selbst, ein positives Selbstwertgefühl, das Respektieren unserer Stärken und Schwächen,[2]  das Bewusstsein darüber, nicht perfekt sein zu müssen, auch mal versagen zu dürfen sowie das Wissen, dass wir anderen nicht überlegen sein müssen[3]

 

Leitsatz des gesunden Narzissmus: „So wie ich bin, bin ich gut und liebenswert.“

 

            Wenn man sich heutzutage mal ein wenig umschaut, so fällt auf, dass unsere Gesellschaft in der wir leben zunehmend narzisstischer zu werden scheint. Themen wie Erfolg, sofortige Bedürfnisbefriedigung, Selbstliebe, eigenes Wohlbefinden und Konsum werden immer zentraler.[4]



[1] Röhr, H.-P. (2013). Narzissmus- Das innere Gefängnis. München: dtv- Verlag

[2] Wardetzki, B. (2013). Eitle Liebe. München: Kösel-Verlag.

[3] Röhr, H.-P. (2013). Narzissmus- Das innere Gefängnis. München: dtv- Verlag

[4] Telfener, U. (2009). Hilfe, ich liebe einen Narzissten. München: Arkana-Verlag.

 


Dysfunktionaler Narzissmus

 

            Kommt es nun zu einer Störung in der Regulation des Selbstwertgefühls,         d.h. ist die Person nicht mehr dazu in der Lage auf ihr positives Ideal-Selbst zurückzugreifen, dann kommt es dazu, dass sie ihren Selbstwert dadurch erhöht, dass sie sich in Größenfantasien rettet, sich vorrangig mit Menschen umgibt, die ihr zustimmen und sie sich mit anderen kompetenten Personen identifiziert. Um sich wertvoll zu fühlen und einen Zusammenbruch ihres Selbstwertgefühls zu verhindern fixieren sie sich nur auf sich, definieren negative Erfahrungen um, versuchen besonders zu sein, perfekt zu sein, mit einem idealisierten Anderen zu verschmelzen, durch besondere Leistungen und Attraktivität aufzufallen.

 

Leitsatz des dysfunktionalen Narzissmus: „Nur wenn ich Besonders bin, bin ich wertvoll und liebenswert.“

 

Die Kriterien der narzisstischen Persönlichkeitsstörung im DSM-IV-TR beschreiben die narzisstische Person wie folgt:

  • sie hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit, d.h. wenn sie von eigenen Erfolgen und Talenten berichtet, dann in übertriebenem Maße. Gleichzeitig erwartet sie von ihrer Umwelt, dass diese ihre Leistungen auch als überlegen anerkennen, selbst wenn hierfür keine entsprechenden objektiven Beweise vorliegen.
  • Sie ist stark von Fantasien eingenommen, die sich auf grenzenlosen Erfolg, Macht, Attraktivität oder der idealen Liebe beziehen.
  • Sie ist davon überzeugt, dass sie selbst etwas Besonderes und Einzigartiges ist. Dies kann jedoch nur von ebenfalls angesehenen und Besonderen anderen Personen oder Institutionen erkannt werden, weswegen sie sich auch vorrangig mit diesen umgibt.
  • Sie beansprucht und erwartet übermäßige Bewunderung von anderen.
  • Ihr Anspruchsdenken, welches sie an den Tag legt bezieht sich darauf, dass sie oft eine besonders bevorzugte Behandlung erwartet oder das andere automatischen ihren Erwartungen nachkommen, ohne dass sie sie darauf explizit hinweisen muss.
  • Ihre zwischenmenschlichen Beziehungen haben einen ausbeutenden Charakter, d.h. sie ziehen einen Nutzen aus ihrem Gegenüber, um eigene Ziele zu erreichen.
  • Sie hat einen Mangel an Empathie, d.h. sie können mit den Gefühlen und Bedürfnissen des Anderen nichts anfangen.
  • Sie sind oft neidisch auf den Erfolg oder die Attraktivität von Anderen, glauben jedoch auch, dass die Anderen häufig neidisch auf sie sind.
  • Oft zeigen sie sich in überheblichen und arroganten Haltungen  und Verhaltensweisen.[1]

 

Neue Entwicklungen und Befunde zeigen, dass die DSM- Kriterien empirisch nicht ausreichend belegt sind bzw. diesen teilweise sogar ganz widersprechen. Während im DSM von einem hohen Selbstwert ausgegangen wird, konnten neuere Studien zeigen, dass dieser bei narzisstischen Personen eher geringer ausfällt als bei klinisch unauffälligen Personen.[2]

 

 

Subtypen des Narzissmus nach Russ & Kollegen

 

Russ und Kollegen (2008) stellten fest, dass es verschiedene Formen des Narzissmus gibt. In ihrer Studie fanden sie hierbei drei verschiedene Subtypen heraus: der grandiose/ malignante Narzisst, der fragile Narzisst und der high-funcioning/ exhibitionistische Narzisst.

Der Grandiose/ malignante Narzisst ist dadurch gekennzeichnet, dass er wenig Rücksicht auf andere Menschen nimmt, diese manipuliert und ausnutzt um sich einen eigenen Vorteil zu verschaffen, er zeigt keine Gefühle von Reue, strebt danach im zwischenmenschlichen Kontakt stets die Kontrolle zu besitzen, fühlt sich oft privilegiert und neigt zu übertriebener Selbstbedeutung. Er scheint von seiner nach außen getragenen Grandiosität überzeugt zu sein, d.h. sie dient ihm nicht als Kompensation oder Abwehrfunktion. Charakteristisch ist ihm auch sein oft überschäumender Zorn, wenn etwas nicht nach seinem Willen funktioniert. Allerdings wirkt es so als leide er ansonsten an keinerlei weiteren zugrunde liegenden Unzulänglichkeitsgefühlen oder sei anfällig für negative Affektzustände. Er zeigt wenig Einsicht in Bezug auf sein eigenes Verhalten und tendiert eher dazu, andere für seine Probleme verantwortlich zu machen. Klinisch weist er eine hohe Komorbiditätsrate mit Substanzmissbrauch und Paranoiden sowie Antisozialen Persönlichkeitsstörungen auf. Diese Form des Narzissmus weist die schlechteste Prognose in Hinsicht auf eine Psychotherapeutische Behandlung auf, da sie nicht unter ihrem Verhalten leidet. Falls sie doch in einer Klinik auftauchen, dann versuchen sie geschickt zu manipulieren oder sich eine Vorzugs-Position zu erwirken.

Der fragile Narzisst zeichnet sich ebenfalls durch Grandiositätsgefühle aus, diese wechseln jedoch ab mit Gefühlen von Unzulänglichkeit. Die Grandiosität dient in diesem Fall dem Schutz des Selbst um die bereits erwähnten Gefühle von Unzulänglichkeit, Kleinheit, Angst und Einsamkeit abzuwehren. Auch der fragile Narzisst möchte sich wichtig und privilegiert fühlen und dies tut er auch, solange seine Abwehr funktioniert. Wenn sie jedoch fehlschlägt, dann kommt es zu negativen Affektzuständen und Minderwertigkeitsgefühlen, welche oft begleitet werden von Wut und Zorn, bis hin zur Raserei. Bei diesem Typ des Narzissmus liegt eine hohe Komorbidität mit der Generalisierten Angststörung, Major Depression sowie mit der Vermeidenden-, der Dependenten-  und der Borderline- Persönlichkeitsstörung vor. In der Therapie haben diese Patienten die beste Prognose (unter den verschiedenen Subtypen), da sie zur Empathie fähig sind und oft lernen wollen mit Gefühlen der eigenen Verletzlichkeit umzugehen, ohne dabei auf Grandiosität oder Abwertung Anderer zurückzugreifen.

Der high-functioning /exhibitionistische Narzisst ist gekennzeichnet durch Grandiosität, die Suche nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, sexuell provokatives bzw. verführerisches Verhalten, Konkurrenzdenken und seine psychologischen Stärken (z.B. hohe Leistungsorientierung, Kontaktfreude, Energiegeladenheit). Er nutzt seinen Narzissmus als Motivation für seinen Erfolg. Er zeigt kaum Komorbiditäten mit anderen Störungen und besitzt eine hohe Anpassungsfähigkeit, weswegen er eher selten in Kliniken vorzufinden ist.[3]



[1] DSM-IV-TR Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen, 4. Aufl., Text-Revision.

[2] Vater A, Ritter K, Schröder-Abé M et al (2013) When grandiosity and vulnerability collide: implicit and explicit self-esteem in patients with narcissistic personality disorder. J Behav Ther Exp Psychiatry 44:37–47

[3] Russ, E., Shedler, J., Bradley, R. & Westen, D. (2008), Refining the Construct of narcissistic personality disorder: diagnostic criteria and subtypes. Journal of Psychiatry, 165, 1473-1481.

 

 

Männlicher vs. Weiblicher Narzissmus

 

            Eine andere Einteilung narzisstischer Formen trifft Wardetzki (2000). Sie unterscheidet zwischen einem weiblichen und einem männlichen Narzissmus. Hierbei handelt es sich ihrer Auffassung jedoch nicht um zwei Kategorien, sondern eher um zwei Pole der narzisstischen Persönlichkeitsstörung.  Der weibliche Narzissmus ist gekennzeichnet durch ein oftmals weibliches Rollenbild, eine passive Form der Aggressivität, durch eine Überanpassung bis hin zur Aufgabe der eigenen Identität, durch ein symbiotisches Anklammern innerhalb von Beziehungen. Die weiblich narzisstische Beziehungsstruktur äußert sich oft in Depressionen und Hilflosigkeit und ist in der Minderwertigkeit verwurzelt. Außerdem identifizieren sie sich häufig mit dem Idealselbst und den Erfolgen ihres Partners, weshalb sie auch eher Beziehungsannehmer als Beziehungshemmer sind. In ihrem Partner suchen sie jedoch oft die Elternfigur.

            Weibliche Narzisstinnen sind auf den ersten Blick nur schwer erkennbar. Wenn man sie kennenlernt wirken sie oftmals sehr selbstbewusst, überlegen, cool und unabhängig. Sie sind in den meisten Fällen attraktive Frauen, die vor allem Männern gegenüber eine verführerische Art an den Tag legen. Damit erhalten sie schnell deren Zuneigung. Jedoch auch Frauen können sie schnell für sich gewinnen, da sie die Wünsche und Erwartungen ihres Gegenübers schnell erkennen und sich auf diese einstellen können. Zudem sind sie oftmals beruflich sehr erfolgreich, repräsentieren in unserer Gesellschaft die sogenannten „Karrierefrauen“, welche immer höhere berufliche Positionen erreichen wollen. Und während sie im Berufsleben unabhängig und rational handeln, sind sie im privaten Bereich das ganze Gegenteil. Hier zeigen sie sich sehr angepasst, versuchen ihrem Partner alles recht zu machen, was so weit gehen kann, dass sie ihre eigene Identität für ihn aufgeben. Sie haben große Probleme damit allein zu sein, weswegen sie sich mit aller Kraft an ihrer Beziehung festklammern. Sie nehmen fast alles hin, hinterfragen selten etwas und tun alles, was ihr Partner von ihnen erwartet. Sie nehmen eine Art Opferhaltung ein und wehren sich meist nur passiv, zum Beispiel über Verweigerung oder Abwertung. Oftmals zeigen sie sich depressiv und hilflos, hoffnungslos, resigniert und negativ. Dadurch hinterlässt sie bei ihrem Gegenüber nicht selten ein schlechtes Gefühl.

            Der männliche Narzissmus verkörpert hingegen das männliche Rollenbild, welches sich in einem großen Autonomiestreben, Grandiosität und Distanziertheit zeigt. Hier geht es vorrangig darum, stets die Kontrolle zu haben,  Macht über andere Ausleben, unerreichbar zu sein, emotional wenig betroffen sein, sich immer und überall durchsetzen zu können. Personen mit männlich-narzisstischer Persönlichkeitsstruktur stabilisieren ihr Selbstwertgefühl durch andere Personen die sie bewundern (z.B. ihre Partnerin). Hierbei identifizieren sie sich häufig mit dem Idealbild, dass die andere Person von ihm macht. Nach außen hin kompensiert er seine Schwäche durch seine Grandiosität, er zeigt offene Aggressivität wenn er gekränkt wird bzw. lehnt sich auf oder wertet den Anderen ab. In Beziehungen zu anderen zeigt er sich vorwiegend unempathisch und distanziert. Er zählt damit eher zu den Beziehungsablehnern. Schnell wird aus der von ihm angestrebten symbiotischen Beziehung und der Verschmelzung zu einem narzisstischen Wir-Gefühl, ein Beziehungsabbruch.

            Betont werden muss, dass beide Pole in jedem Narzissten vorhanden sind. Es ist also nicht so, dass nur Frauen weiblich-narzisstische Ausprägungen haben und nur Männer die männlich-narzisstischen Züge. Vielmehr ist es so, dass beide Seiten der Medaille gleichermaßen vorhanden sind und zu bestimmten Zeiten eine Seite dominiert. Ändert sich die Situation kann es auch zum Kippen des Pols kommen, so dass die zweite Seite zum Vorschein kommt.[1]         

 

Beispiel:

Eine junge Dame im Alter von 32 Jahren lebte jahrelang in einer Beziehung zu einem Mann, in der sie eindeutig männlich narzisstische Züge zeigte. Sie präsentierte sich selbstbewusst, zielstrebig, traf wichtige Entscheidungen und behielt die Kontrolle. Wenn ihr etwas nicht passte, was ihr Partner tat, bestrafte sie ihn durch Distanzierung. Sie wirkte in der Beziehung eher kühl, brauchte keine „Kuscheleinheiten“, schaffte sich viel Freiraum, wo sie ihr eigenes Ding durchziehen konnte. Sie war selten emotional beteiligt, wenig misstrauisch und gern allein.

 Eines Tages begann sie eine Beziehung mit einem sehr dominanten narzisstischen Mann, was ihr Leben stark veränderte. Auf einmal war sie misstrauisch, anhänglich, stellte ihre eigenen Interessen in den Hintergrund und begann nur noch für ihn zu leben. Sie klammerte sich förmlich an ihn, war tot unglücklich sobald er nicht in ihrer Nähe war. Sie gab einen Großteil von ihrer vorher so hart erkämpften Kontrolle ab. Sie war nicht mehr grandios, sondern nun eher depressiv und  überangepasst.



[1] Wardetzki, B. (2000). Weiblicher Narzissmus – Der Hunger nach Anerkennung. München: Kösel-Verlag.

 

Gott Narziss
Gott Narziss

 
 

 

 

weitere Buchquellen:

 

Trautmann, R.D. (2004). Verhaltenstherapie bei Persönlichkeitsstörungen und problematischen Persönlichkeitsstilen. Stuttgart: J.G. Cotta´sche Buchhandlung Nachfolger GmbH.

 

Wittchen, H.U. & Hoyer, J. (Hrsg.) (2006). Klinische Psychologie & Psychotherapie. Heidelberg: Springer Medizin Verlag.

 

Wittchen, H.U. (1998). Handbuch Psychische Störungen. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

 

Bildquelle:

 

http://www.susanne-kleinhenz.de/images/gott_narziss_big.jpg