Modell der Doppelten Handlungsregulation

Persönlichkeitsstörungen als Beziehungsstörungen

Bei Persönlichkeitsstörungen handelt es sich ganz allgemein um komplexe Störungen die sich auf das Denken, Fühlen und Handeln einer Person auswirken.

Fiedler (1994) geht außerdem davon aus, dass es sich um eine komplexe Störung handelt, die das zwischenmenschliche Beziehungsverhalten betrifft. Das bedeutet, dass Personen die an einer Persönlichkeitsstörung leiden sozial unflexibel reagieren, sich wenig anzupassen in der Lage sind und Probleme in der Interaktion mit anderen Personen aufweisen.

 

Sachse hat hierzu das Modell der doppelten Handlungsregulation (MDHR) entwickelt, anhand dessen die allgemeinen Funktionszusammenhänge verschiedener Komponenten dargestellt werden können.

Das Modell besteht aus drei verschiedenen Ebenen:

  1. der Motivebene
  2. der Ebene der dysfunktionalen Schemata
  3. der Spielebene.

 

Die Motivebene (authentische Handlungsregulation)

In dem Modell wird angenommen, dass jede Person verschiedene zentrale Beziehungsmotive besitzt, welche sie erfüllen will. Hierbei können insgesamt 6 verschiedene interaktionelle Ziele (Beziehungsmotive) unterschieden werden:

  • Anerkennung
  • Solidarität
  • Verlässlichkeit
  • Wichtigkeit
  • Autonomie
  • und Territorialität /Grenzen.

Die einzelnen allgemeinen zentralen Motive können weiter operationalisiert werden, in konkrete Ziele, die konkrete Situationen betreffen. So kann eine Person, die "Wichtigkeit" als zentrales Motiv besitzt, in bestimmten Situationen, konkrete Aufmerksamkeit von einem Interaktionspartner erwarten.

Die betreffende Person richtet ihr interaktionelles Handeln entsprechend ihrer Motive aus, d.h. sie möchte diese durch ihr Handeln befriedigen bzw. sie befriedigt bekommen durch ihren Interaktionspartner. Dazu setzt sie verschiedene Handlungs- und Verarbeitungskompetenzen ein.

 

Die positive Konsequenz ihres Handelns wäre eine Befriedigung ihrer zentralen Motive, was dazu führen würde, dass dieses Motiv in der Hierarchie sinken würde und andere Motive in ihrer Relevanz steigen.

 

Wenn das zentrale Motiv jedoch über eine längere Zeit hinweg unbefriedigt bleibt, führt dies dazu, dass es in der Motivhierarchie ganz oben bleibt und immer wichtiger wird. Dies führt dann wiederum dazu, dass die betreffende Person immer unzufriedener wird.

 

Die Motivebene wird auch Ebene der authentischen Handlungsregulation genannt,weil die interaktionellen Ziele der Person zumeist transparent sind für den Interaktionspartner, d.h. er kennt die Ziele und kann darauf reagieren.

 

Motivebene- MDHR
Motivebene- MDHR

Ebene der dysfunktionalen Schemata

In der Kindheit machen Menschen viele verschiedene interaktionelle Erfahrungen, welche dann im Laufe der Zeit zur Entstehung von Schemata führen.

Hierbei können Selbst- und Beziehungsschemata unterschieden werden.

 

Selbst-Schemata sind Annahmen, wie der Name schon verrät,  einer Person über sich selbst. Diese können sowohl positiver Art ("Ich bin toll.") als auch negativer Art ("Ich bin unwichtig") sein.

 

Beziehungs-Schemata sind Annahmen einer Person über Beziehungen. Diese können ebenfalls entweder positiv ("In Beziehungen erhält man Aufmerksamkeit.") oder negativ ("Ich bin eine Last für andere Personen.") ausfallen, je nachdem welche Erfahrungen die Person in ihrer Kindheit gesammelt hat.

 

Negative Schemata können dazu führen, dass Personen auf kleine Auslöser (z.B. eine kurze Unaufmerksamkeit des Interaktionspartners) besonders heftig ("allergisch") reagieren.

Ebene der dysfunktionalen Schemata
Ebene der dysfunktionalen Schemata

Spielebene (intransparente Handlungen)

Diese Ebene ist gekennzeichnet durch manipulative Strategien und kompensatorische Schemata.

Die kompensatorischen Schemata dienen dazu, die weiter oben erörterten dysfunktionalen Schemata zu kompensieren. Dabei können drei verschiedene Arten unterschieden werden:

  1. kompensatorische Selbstschemata
  2. kompensatorische normative Schemata
  3. kompensatorische Regel-Schemata.

 

Kompensatorische Selbst-Schemata sind Schemata, welche zum Teil übertriebene positive Aussagen enthalten, die eigene Person betreffend ("Ich bin hochgradig erfolgreich."). Diese sollen somit die negativen Selbstschemata ("Ich bin ein Verlierer.") kompensieren.

 

Kompensatorische normative Schemata enthalten hingegen Anweisungen an die eigene Person ("Sei erfolgreich !"). Auf diese Weise sollen dysfunktionale Schemata widerlegt (falsifiziert) werden. Deshalb sind die Ziele der normativen Schemata Vermeidungsziele und keine Annäherungsziele, was jedoch dazu führt, dass sie nie tatsächlich befriedigt werden können.

 

Kompensatorische Regel-Schemata bestehen aus Regeln, die der Interaktionspartner der betreffenden Person zu befolgen hat ("Mein Partner muss mir immer und zu jedem Zeitpunkt Aufmerksamkeit schenken."). Der Nachteil dieser Schemata ist, dass sie zu massiven interaktionellen Problemen führen.

 

Da die Interaktionspartner oft nicht von alleine auf die Idee kommen, etwas zu tun, was ihren eigenen Interessen widerspricht, müssen sie von der betreffenden Person darauf "vorbereitet" werden, d.h. die Person mit der Persönlichkeitsstörung lässt in ihrem Interaktionspartner ein ganz bestimmtes Bild von sich entstehen (Image) und sendet anschließend Appelle (Aufforderungen), was diese zu tun oder nicht zu tun hat.

 

Je ausgeprägter diese Ebene der intransparenten Handlungen ist, desto schwächer ist die authentische Ebene ausgeprägt. Personen die an einer Persönlichkeitsstörung leiden, sind somit kaum noch dazu in der Lage, sich authentisch zu verhalten, sondern sie agieren zunehmend im manipulativen Modus.

Spielebene
Spielebene

Quellen:

 

Sachse, R., Sachse, M. & Fasbender, J. (2011). Klärungsorientierte Psychotherapie von Persönlichkeitsstörungen. Göttingen: Hogrefe Verlag.

 

Weitere interessante Buchtipps zum Thema Persönlichkeitsstörungen: