Intelligenz

Akademische Intelligenz

Strukturtheorien

Wozu akademische Intelligenz?

  • Akademische Intelligenz ist notwendig beim Lösen abstrakter Probleme.
  • Als besonders wichtig wird sie daher im schulischen Bereich oder akademischen Bildungseinrichtungen angesehen.
  • Erfasst werden kann akademische Intelligenz mit gängigen Intelligenztests, z.B. WIE, I-S-T 2000 R, WIT-2.
  • Es existieren verschiedene Konzepte zur akademischen Intelligenz, welche sich darin unterscheiden, ob Intelligenz ein geschlossenes Merkmal ist oder ein Sammelbegriff für mehrere Teilfähigkeiten.
  • Zu den Strukturtheorien zählen unter anderem die Theorien von:
  1. Charles Spearman (Zwei-Faktoren-Theorie)
  2. Thurstone (Primärfaktoren-Modell)
  3. Cattell (Modell der fluiden und kristalinen Intelligenz).
  4. Carroll (Three-stratum Theorie der Intelligenz).
  • Mehrmodale Strukturtheorien sind zum Beispiel die Modelle von:
  1. Guilford (Guilfords Intelligenzstrukturmodell)
  2. Jäger (Berliner Intelligenzstrukturmodell)

Spearman : Intelligenz als einheitliche Fähigkeit

Zwei- Faktoren- Theorie

Spearman ging davon aus, dass Intelligenz auf 2 Faktoren beruht:

 

  •  dem Generalfaktor (g-Faktor), bei welchem es sich um eine übergeordnete Einheit handelt und
  • verschiedenen aufgabenspezifischen Spezialfaktoren (s-Faktor)

Auch heute noch findet seine Annahme eine breite Anwendung , so werden bei fast allen gängigen Intelligenztests heute zusätzlich neben den Punktwerten für die Einzelleistung (s-Faktor) auch noch ein Gesamtwert ermittelt (g-Faktor) der für die durchschnittliche Höhe des Intelligenzniveaus steht.

 

  • Die zentrale Forschungsmethode seines Ansatzes stellt die Faktorenanalyse dar.
  • Er ging demnach davon aus, dass zwischen unterschiedlichen intellektuellen Teilleistungen stets statistische Zusammenhänge bestehen. Das bedeutet, dass wenn eine Person in einem bestimmten kognitiven Bereich hohe Fähigkeiten besitzt, dann ist sie auch in einem anderen kognitiven Bereich gut.


Thurstone : Intelligenz als Fähigkeitsbündel

Thurstone
Thurstone

Primärfaktoren-Modell

 

  • Thurstone vertrat die Grundannahme dass es sich bei der Intelligenz um ein komplexes Bündel mehrerer gemeinsamer Faktoren (7 Primärfaktoren) handelt.
  • Die Leistung in einer bestimmten Aufgabe wird dabei nicht von allen Primärfähigkeiten determiniert.
  • Im Gegensatz zu Spearman geht er demnach nicht von einem Generalfaktor aus, sondern von mehreren "primären" Intelligenzfaktoren, die zur erfolgreichen Lösung von Intelligenztestaufgaben beitragen.

 

  • Alle Faktoren innerhalb des Modells stellen gleichberechtigte Bausteine dar, die nebeneinander existieren (sind also voneinander unabhängige Faktoren).

 

Zu den Primärfaktoren gehören:
a) Wahrnehmungsgeschwindigkeit(perceptual speed)

  • Tests: Anstreichen bestimmter Symbole, Erkennen von Gleichheiten bzw. Unterschieden
  • Leistung:Geschwindigkeit beim Vergleich (schnelles und richtiges Erkennen von Unterschieden und Gemeinsamkeiten)

b) Schlussfolgerndes Denken (induction oder reasoning)

  • Schlussfolgerndes Denken im Sinne des Auffindens einer allgemeinen Regel in einer vorgegebenen Abfolge von Zahlen oder Symbolen
  • Und Anwendung dieser Regel bei der Vorhersage des nächstfolgenden Elements
  • Test: Zahlen-, Figuren-, Buchstabenreihen fortsetzen Leistung: Erkennen von Zusammenhängen / Gesetzmäßigkeiten

c) Wortflüssigkeit (word fluency):

  • Rasches produzieren von Wörtern, die bestimmten strukturellen oder symbolischen Erfordernissen entsprechen (zB. Viele Wörter mit A finden)
    • Leistung: Sprachfertigkeit / Flexibilität
    • Test: Anagramme, Reime, Wörter mit vorgegebenen Anfangsbuchstaben oder vier Buchstaben

d) Gedächtnis (memory):

  • Behalten paarweise gelernter Assoziationen
  • Test: Wort- Zahl- Paare, Bild- Figuren-Paare Leistung: Merkfähigkeit

e) Sprachverständnis (verbal comprehension):

  • Kenntnis von Wörtern und ihrer Bedeutung sowie deren angemessene Verwendung im Gespräch Test: Synonyme /Anonyme finden, richtige Reihenfolge vertauschter Wörter und Sätze
  •  Leistung: Verständnis für in Worte gefasste Konzepte

f) Rechenfertigkeit (number):

  •  Geschwindigkeit und Präzision bei einfachen arithmetischen Aufgaben
  •  Test: Rechenaufgaben (Addition, Subtraktion, Multiplikation)
  •  Leistung: Rechenfertigkeit, Erkennung und Verstehen quantitativer Unterschiede

g) Raumvorstellung (space):

  • Bewältigung von Aufgaben, die räumliches Vorstellen und Orientieren sowie das Erkennen von Objekten unter anderem Bezugswinkel erfordern
  • Test: Verfolgen von mechanischen Bewegungen, Vergleich von Würfeln aus verschiedener Perspektive
  • Leistung: Veranschaulichung von Beziehungen von Teilen und Objekten

 

  • Ein Intelligenztest der sich am Thurstone-Modell orientiert ist zum Beispiel der I-S-T 2000 R (Amthauer, Brocke, Liepmann & Beauducel, 2001).
  • Die zentrale Forschungsmethode von Thurstone war wie schon bei Spearman die Faktorenanalyse.

 

Zwischen-Fazit:

Die Lösung der Ausgangsfrage lässt sich anhand dieser beiden Theorien nicht  klären. Anfangs ging Thurstone davon aus, dass die einzelnen Primärfaktoren nicht miteinander korrelieren würden, später allerdings erkannte er Interkorrelationen zwischen diesen an, weshalb auch der übergeordnete g-Faktor von Spearman durchaus berechtigt sein könnte. Um die Ausgangsfrage zu klären sollten daher weitere Intelligenzmodelle betrachtet werden. Einen Kompromiss zwischen diesen beiden Theorien stellt zum Beispiel das Hierarchische Modell von Cattell dar.

 

Cattell: Hierarchisches Modell der fluiden und kristalinen Intelligenz

Cattell vereint in seinem Modell die Ideen von Spearman und Thurstone. Er nimmt somit sowohl einen allgemeinen, übergeordneten g- Faktor an, als auch Primärfaktoren.

 

Er unterscheidet zwischen der:

  1. fluiden Intelligenz und
  2. der kristalinen Intelligenz.

 

Bei der fluiden Intelligenz handelt es sich um eine Intelligenzform, die:

  • die Fähigkeit widerspiegelt, sich immer neuen Situationen und Problemen anzupassen
  • alle Personen besitzen
  • unabhängig ist von früheren Lernerfahrungen und
  • unabhängig ist von der jeweiligen Kultur in der eine Person lebt
  • im Alter tendenziell abnimmt
  • das sogenannte "Grundpotenzial" darstellt
  • nonverbal erfasst werden sollte, beispielsweise über Symbol-Tests oder figurale Tests

 

Bei der kristalinen Intelligenz handelt es sich um eine Form der Intelligenz, die:

  • die kognitiven Fertigkeiten einer Person vereint
  • sich zusammensetzt aus vorangegangenem Lernen und
  • unterschiedlichem kulturellen Wissen
  • somit abhängig ist von Lern - und Erziehungseinflüssen
  • unser sogenanntes "Wissen" darstellt
  • im Alter tendenziell zunimmt
  • verbal erfasst werden sollte, beispielsweise über Intelligenztests.

 

  • Die zentrale Forschungsmethode von Cattell war die sogenannte Sekundäranalyse unterschiedlicher Primärfaktoren, d.h. Faktorenanalysen höherer Ordnung.

 

Carroll : "Three Stratum" - Modell

  • Empirische Grundlage für die Theorie von John, B. Carroll (1993) bilden sogenannte Re-Analysen (Faktorenanalysen) von mehreren 100 Datensätzen.
  • Carroll geht davon aus, dass auf der obersten Ebene der g-Faktor (generelle Fähigkeit) liegt,
  • auf der zweiten Ebene (breite Faktoren) liegen Faktoren wie kristalline und fluide Intelligenz, akustische Wahrnehmung, Lernen/ Gedächtnis, Einfallsreichtum, Verarbeitungsgeschwindigkeit und visuelle Wahrnehmung .
  • Die zweite Ebene lässt sich weiter untergliedern in spezifische Teilfähigkeiten (3.Ebene).
  • Carrolls-Modell vereint somit die Ansätze von Spearman, Thurstone, Vernon und Cattell.
  • Nachteil des Modells ist, dass es sehr komplex ist, v.a. im I.Stratum (ca. 70 spezifische Fähigkeiten) und deshalb ein IQ-Test nur sehr schwer zu konstruieren ist.

Mehrmodale Modelle

Guilfords "Structure of Intellect"- Modell

  • Guilford unterscheidet in seinem Modell zwischen Inhaltsvariablen, Operationsvariablen und Outputvariablen.
  • Die Inhaltsvariablen werden hierbei untergliedert in:
  1. figurale Inhalte (= konkrete Informationen),
  2. symbolische Inhalte (= Zeichen),
  3. semantische Inhalte (= Begriffe, Konstrukte),
  4. verhaltensmäßige Inhalte (= Einstellungen, Gedanken, Absichten, Wünsche uvm.).
  • Die Outputvariablen (Produkte) werden unterschieden in:
  1. Einheiten,
  2. Klassen,
  3. Beziehungen schaffen,
  4. Systeme einordnen,
  5. Transformationen durchführen,
  6. Implikationen ableiten.
  • Die Operationsvariablen vermitteln zwischen Input- und Outputvariablen und werden differenziert in:
  1. Kognition (= Wiedererkennen, Entdecken),
  2. Gedächtnis (= Fixierung),
  3. Evaluation (= Vergleich, ob Kriterium erreicht wurde),
  4. divergente Produktion (= Entwicklung logischer Alternativen),
  5. konvergente Produktion (= das Erreichen der einzigen besten Lösung).

 Neu an diesem Modell ist das Hinzukommen der Kreativität (divergente Produktion).

 

  • Durch die Kombination von  4 Inhalten, 5 Operationen und 6 Produkten entstehen 120 unterschiedliche Intelligenzfaktoren.
  • Jägers Anliegen war die Schaffung eines integrativen Modells.
  • Das BIS integriert die Theorien von Spearman, Thurstone und Guilford.

Jägers BIS-Modell (Berliner Intelligenzstruktur-Modell)

  • Jäger unterschied die intellektuellen Fähigkeitsbereiche in eine operative und eine inhaltsgebundene Facette.
  • Zu den operativen Fähigkeiten zählte Jäger :
  1. Verarbeitungskapazität,
  2. Gedächtnis,
  3. Einfallsreichtum,
  4. und Bearbeitungsgeschwindigkeit.
  • Zu den inhaltsgebundenen Fähigkeiten zählen:
  1. sprachgebundenes Denken (verbal),
  2. zahlengebundenes Denken (numerisch),
  3. anschauungsgebundenes Denken (figural-bildhaft).

 

  • Ein auf diesem Modell beruhender Intelligenztest ist der BIS (Jäger, Süß & Beauducel, 1997).

Quellen:


Amelang, M. & Bartussek, D. (2001). Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung. Köln: Kohlhammer Verlag.


Asendorpf, J.B. (2007). Psychologie der Persönlichkeit. Heidelberg: Springer Medizin Verlag.

 

Neubauer, A.C. & Fink, A. (2006). Differentielle Psychologie: Leistungsfunktionen. In K. Pawlik (Hrsg.), Handbuch der Psychologie (S. 319-336). Heidelberg: Springer.

 

Bildquellen:

http://www.teachsam.de/pro/pro_lernlern/intelligenz/images/2_Faktoren_Theorie.png

http://www.teachsam.de/pro/pro_lernlern/intelligenz/images/Multiple_Faktoren_Theorie.png

http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/brunner-martin-2006-02-08/HTML/image014.jpg

http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/BILDER/catttell.gif

http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/BILDER/guilford.gif

http://www.psychologie.uni-mannheim.de/psycho2_alt/prod/bis/bisRaute.jpg

http://www.sgipt.org/biogr/thurs.jpg