Anorexia nervosa

Diagnosekriterien

DSM-IV-TR

Bei der Anorexia nervosa ("Magersucht") weigert sich der betroffene Patient, ein Körpergewicht aufrechtzuerhalten, welches für seine Größe und sein Alter normal wäre bzw. an der untersten Grenze des Normalbereichs liegt.

Er hat eine extreme Angst davor dick zu werden oder an Gewicht zuzunehmen obwohl er bereits ein Untergewicht aufweist.

Zudem leidet er an einer gestörten Körperwahrnehmung oder leugnet die schwerwiegende Bedeutung seines zu niedrigen Gewichts.

Bei Frauen tritt nach der Menarche häufig eine Amenorrhoe.

 

Man unterscheidet bei der Anorexia nervosa zudem zwischen folgenden 2 Typen:

  1. Restriktiver Typus
  2. "Binge-Eating/Purging-Typus"

Der Restriktive Typus weist einen stark kalorienreduzierten Essstil auf, während es beim  Purging-Typus immer wieder zu Essanfällen kommt, woraufhin der Patient mit Gewichtsreduzierenden Maßnahmen wie Erbrechen oder anderen Maßnahmen (z.B. Einläufe oder Abführmittel) reagiert.

 

Um diese "bulimische" Form der Anorexia nervosa von der Bulimia nervosa unterscheiden zu können müssen daher alle Kriterien (siehe oben) des DSM-IV-TR erfüllt sein.

 

Differenialdiagnostisch ausgeschlossen werden müssen:

  • körperliche Ursachen, die zu einem Gewichtsverlust führen (z.B. internistische Erkrankungen)
  • depressive Störungen.

ICD-10

Auch laut ICD-10 ist das diagnostische Kriterium der Gewichtsverlust oder eine fehlende Gewichtszunahme (bei Kindern), welche zu einem Körpergewicht führt, das mindestens 15 % unter dem für das Alter und die Körpergröße liegenden Normalgewichts liegt.

Zudem muss dieser Gewichtsverlust von der betroffenen Person selbst herbeigeführt werden, indem sie Speisen vermeidet, die ihrer Ansicht nach "Fett machen".

Ihre Selbstwahrnehmung ist häufig gestört und sie weisen eine Amenorrhoe (bei Frauen) oder einen Potenzverlust bzw. ein Desinteresse für Sexualität (bei Männern) auf.

Außerdem dürfen das Kriterium A und B für eine Bulimia nervosa nicht erfüllt werden.

 

Differentialdiagnostisch ausgeschlossen werden müssen:

  • Appetitverlust (R63.0)
  • und ein psychogener Appetitverlust (F50.8)

Verlauf

Essstörungen beginnen häufig in der Adoleszenz. Studien zufolge hat die Anorexia nervosa eine als ungünstig einzuschätzende Prognose, da sie eine relativ hohe Mortalitätsrate (zwischen 1,2 - 12,8%) besitzt (Steinhausen, 2002).

 

20% der Betroffenen weisen einen chronischen Verlauf auf während 47% langfristig geheilt werden können (Wittchen & Hoyer, 2006).

Epidemiologie

Ein großer Teil der Bevölkerung zeigt irgendwann einmal in seinem Leben Symptome eines gestörten Essverhaltens, ohne dass man hierbei von einer Essstörung sprechen muss. So versuchen beispielsweise zwei Drittel der Population Gewicht zu verlieren durch Diäten oder ein Fünftel der Frauen leidet gelegentlich an Heißhungeranfällen.

 

Die Lebenszeitprävalenz liegt aktuellen Studien zufolge zwischen 0,8 und 3,0% (Jacobi, Hayward, de Zwaan, Kraemer & Agras, 2004).

 

Das durchschnittliche Ersterkrankungsalter liegt bei ca. 17 Jahren (Hindler, Crisp, McGuigan & Joughin, 1994) und die Anorexia tritt bei Mädchen wesentlich häufiger auf als bei Jungen.

 

Die Inzidenzrate liegt bei 8 pro 100.000 der Bevölkerung (Hoek & Hoeken, 2003).

Ätiologie

genetische Faktoren

Zwillingsstudien liefern erste Hinweise darauf, dass es eine genetische Prädisposition für Anorexia nervosa geben könnte (Fichter & Noegel, 1990; Strober, Freeman, Lampert, Diamond & Kaye, 2000).

 

soziokulturelle Risikofaktoren

Gerade in westlichen Industrienationen herrschen häufig extreme Schlankheitsideale vor, denen die Mädchen und jungen Frauen zu entsprechen versuchen. Das Aussehen spielt demnach eine sehr große Rolle. Kommt es dann in der Pubertät zu körperlichen Veränderungen (z.B. wachsender Fettanteil im Körper) reagieren die Betroffenen oft, indem sie Diäten beginnen oder andere gewichtsreduzierende Maßnahmen ergreifen.

familiäre Risikofaktoren

Eine besondere Bedeutung wird dem essensbezogenem Verhalten der Mutter zugeschrieben sowie deren Einstellung zu Körpergewicht und Figur.

 

Leiden die Mütter beispielsweise ebenfalls unter einer Essstörung, dann erhöht dies die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer solchen Erkrankung bei den Kindern. Eine mögliche Erklärung hierfür könnte sein, dass es zu Modelllernen kommt.

 

Auch innerfamiliäre Probleme wie Substanzmissbrauch, Überbehütung oder häufige schwerwiegende Konfliktsituationen können mit Essstörungen in Verbindung gebracht werden.

weitere Risikofaktoren

Einige Studien konnten zeigen, dass essgestörte Patienten häufig an einem geringeren Selbstwertgefühl leiden und Probleme mit ihrer Affektregulation aufweisen.

Quellen und Literaturempfehlungen

Fichter, M.M. & Noegel, R. (1990). Concordance for bulimia nervosa twins. International Journal of Eating disorders, 9, 255-263.

 

Hindler, C.G., Crisp, A.H., McGuigan, S. & Joughin, N. (1994). Anorexia nervosa: Change over time in age of onset, presentation and duration of illness. Psychological Medicine, 24, 719-729.

 

Hoek, H.W. & Hoeken, D.(2003). Review of the prevalence and incidence of eating disorders. International Journal of Eating Disorders, 34, 383-396.

 

Jacobi, C., Hayward, C., de Zwaan, M., Kraemer, H. & Agras, St. (2004). Coming to terms with risk factors for eatingdisorders: application of risk terminology and suggestions for a general taxonomy. Psychological Bulletin, 130, 19-65.

 

Steinhausen, H.C.(2002). The outcome of anorexia nervosa in the 20th century. American Journal of Psychiatry, 159, 1284-1293. 

 

Strober, M., Freeman, R., Lampert, C., Diamond, J. & Kaye, W. (2000). Controlled family study of anorexia nervosa and bulimia nervosa: Evidence of shared liability and transmission of partial syndromes. American Journal of Psychiatry, 157, 393-401.