Angststörungen

Angststörungen im Kindes- und Jugendalter

"normale" vs. klinisch relevante Ängste

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Ängste spielen in der normalen Entwicklung von Kindern bereits in sehr jungem Alter eine Rolle. So zeigen sich beispielsweise schon im Alter von 6-8 Monaten intensive emotionale Reaktionen, welche durch die Trennung des Kindes von seiner zentralen Bezugsperson ausgelöst werden. Zudem treten gegen Ende des 1. Lebensjahres häufig Ängste vor fremden Personen, fremden Gegenständen oder vor lauten Geräuschen auf.

 

Wenn die Kinder älter werden, verändern sich auch die Dinge vor denen sie sich fürchten. So haben 2 bis 4-Jährige oftmals Angst vor Dunkelheit, vor bestimmten Tieren oder davor allein zu sein, und 4- bis 6-Jährige zeigen verstärkt Angst vor Fantasiegestalten wie zum Beispiel Monster oder Gespenster. Ab circa 7 Jahren treten dann die Ängste vor negativer Bewertung durch andere, vor eventuellem Versagen oder vor Verletzungen in den Vordergrund. Dies liegt unter anderem daran, dass die Kinder in diesem Alter vom Kindergarten in die Schule wechseln.

 

Es hat sich gezeigt, dass die meisten dieser spezifischen Ängste nur eine geringe Intensität aufweisen und von relativ kurzer Dauer sind.  Sie sind deshalb unbedenklich.

Als klinisch relevant werden Ängste erst dann bezeichnet, wenn sie besonders stark ausgeprägt sind, über mehrere Monate hinweg andauern und zu einer Beeinträchtigung der normalen Entwicklung führen.

Einteilung der Angststörungen

Die beiden Klassifikationssysteme DSM-IV und ICD-10 unterscheiden Angststörungen die altersunabhängig sind und Angststörungen die bereits im Kindesalter beginnen.

Insgesamt können 7 Gruppen von Störungen unterschieden werden:

  1. 1. generalisierte Angstzustände
  2. 2. Panikstörungen mit Agoraphobie
  3. 3. Panikstörungen ohne Agoraphobie
  4. 3. spezifische Phobien
  5. 4. Sozialphobie
  6. 5. PTBS (Posttraumatisches Stresssyndrom)
  7. 6. Zwangsstörungen.

 

Die 3 Angststörungen die im Kindes- und Jugendalter am häufigsten auftreten sind:

  1. 1. die Trennungsangst,
  2. 2. Phobien,
  3. 3. und die generalisierte Angststörung.

Trennungsangst des Kindesalters (ICD-10: F93.0)

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Im ICD-10 findet man unter F93.0 die Diagnose "emotionale Störung mit Trennungsangst des Kindesalters". Darunter versteht man eine exzessive Angst des Kindes davor, von der zentralen Bezugsperson getrennt zu werden.

 

Die unrealistische Befürchtung den Eltern oder anderen engen Bezugspersonen könne etwas zustoßen, was dazu führen könnte das sie dauerhaft voneinander getrennt wären, kann sich von starker Angst bis hin zur Panik steigern.

 

Die Trennungsschwierigkeiten äußern sich beispielsweise am Abend, indem die Kinder sich weigern allein ins Bett zu gehen oder bei geschlossener Tür zu schlafen. Außerdem kann es vorkommen, dass sie Nachts immer wieder ihr Bett verlassen um entweder nachzuschauen, ob ihre Bezugsperson noch anwesend ist oder gar bei ihr zu schlafen.

Häufig versuchen diese Kinder es auch zu vermeiden, auswärts zu schlafen oder haben öfters Albträume in denen Trennung eine Rolle spielt.

 

Auch tagsüber fällt es den betroffenen Kindern schwer allein zu Hause zu sein oder zur Schule/ Kindergarten zu gehen.  Dies zeigt sich daran, dass sie laut weinen, schreien oder sich an ihrer Bezugsperson festklammern. Wenn sich eine Trennung trotzdem nicht vermeiden lässt, kann es sein, dass die Kinder eine aggressive, gereizte oder aber auch apathische Stimmung an den Tag legen.

 

Außerdem kann es vorkommen, dass  körperliche Symptome wie zum Beispiel Bauchschmerzen oder Übelkeit auftreten, welche in der Regel jedoch nachlassen, wenn die erwartete Trennung nicht eintritt. Sollten diese Symptome jedoch häufiger auftreten dann sollte unbedingt eine ärztliche Abklärung erfolgen.

 

Der Beginn der Störung muss vor dem 6. Lebensjahr liegen, und es darf keine generalisierte Angststörung, tiefgreifende Entwicklungsstörung oder substanzbedingte Störung vorhanden sein. Zudem muss sie mindestens  4 Wochen andauern.

 

Es gibt verschiedene Risikofaktoren, welche das Auftreten einer Trennungsangst begünstigen. Dazu zählen zum Beispiel eine genetische Disposition (Cronk et al., 2004), eine unsichere Eltern-Kind-Bindung (Dallaire und Weinraub, 2005), ein negativer Erziehungsstil der Eltern bzw. eine chaotische häusliche Umgebung (Wood, 2006), depressive Störungen oder Angststörungen der Eltern (Biederman et al., 2001) und kognitive Faktoren wie das vorwiegende interpretieren von mehrdeutigen Situationen als Bedrohung (Kendall, 1994).


 


phobische Störungen des Kindesalters

Hierbei handelt es sich um eine Form der Angst, welche in der psychosozialen Entwicklung des Kindes kein normaler Bestandteil ist. Es gibt verschiedene Formen der phobischen Störung, abhängig davon, welchen Inhalt die Phobie betrifft.

 

Wenn Kinder allgemein unter einer Phobie leiden, dann äußert sich dies häufig darin, dass sie eine starke Angstreaktion zum Beispiel gegenüber bestimmten Tieren oder Gegenständen zeigen. Diese Reaktion tritt normalerweise in dem Moment auf, in dem die Kinder mit dem phobischen Stimulus konfrontiert werden. Für gewöhnlich versuchen die Kinder mit der Zeit, diese Situation, vor der sich sich fürchten, zu vermeiden.

 

Handelt es sich um eine entwicklungsphasenspezifische Angst (z.B. Angst vor Monstern), die jedoch ein abnormes Ausmaß angenommen hat und infolgedessen zu einer deutlichen sozialen Beeinträchtigung führt, dann spricht man von einer "phobischen Störung des Kindesalters" (ICD-10: F93.1).

Bei den spezifischen Phobien lassen sich mehrere Subtypen unterscheiden. Dazu zählen unter anderem:

  • - der Tier-Typus (z.B. große Tiere)
  • - der Umwelt-Typus (z.B. Angst vor Dunkelheit, vor Gewitter)
  • - der Blut-Injektions-Verletzungs-Typus (z.B. medizinisch invasive Maßnahmen)
  • - der situative Typus (z.B. Angst vor Tunneln, Fahrstühlen, Brücken).

Das DSM-IV-TR trennt im Gegensatz zur ICD-10 nicht zwischen spezifischen Phobien im Kindes-und Jugendalter und spezifischen Phobien im Erwachsenenalter, sondern listet die Diagnosekriterien unter 300.29 auf. Ein weiterer Unterschied im Vergleich der beiden Klassifikationssysteme liegt in der fehlenden minimalen Störungsdauer, welche in der ICD-10 keine Rolle spielt.

Die Prävalenzrate für spezifische Phobien im Kindes- und Jugendalter liegt ungefähr bei 3,3 - 3,5 % (Essau et al., 2000), wobei die Angst vor Blut die häufigste Angst bei Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren darstellte (36%), dicht gefolgt mit 28%  von der Angst vor Tieren (Essau et al., 2000).

 

Tritt die Angst hauptsächlich in sozialen Situationen auf, wird sie als "Störung mit sozialer Ängstlichkeit des Kindesalters" bezeichnet (ICD-10 : F93.2).

Die Kinder fürchten sich davor sich lächerlich zu machen oder in bestimmten Situationen zu versagen. Das kann dazu führen, dass sie es vermeiden wollen in die Schule zu gehen. Außerdem ist häufig ihre soziale Kontaktfähigkeit eingeschränkt was zu einem erheblichen Leidensdruck für die Kinder führen kann. Mit Familienmitgliedern und Gleichaltrigen die sie gut kennen  kommen sie hingegen gut aus.  Bei diesen Kindern ist häufig die sozial-emotionale Entwicklung beeinträchtigt, was sich darin äußern kann, dass sie den Blickkontakt mit anderen vermeiden, auf Fragen nur einsilbig oder garnicht antworten, sie sprechen häufig sehr leise und undeutlich, zeigen mangelnde Problemlösekompetenzen und verfolgen oftmals Hobbys die sie allein durchführen können (z.B. Lesen).

 Die Störung muss sich vor dem 6. Lebensjahr manifestieren und mindestens 4 Wochen andauern.

Im Gegensatz zu anderen Angststörungen im Kindesalter tritt die soziale Phobie eher selten auf (Essau et al., 2000).


Kommt die Angst in verschiedenen Situationen zum Tragen (z.B. Menschenmengen, öffentliche Orte) handelt es sich um eine "Agoraphobie ohne Panikstörung" (ICD-10: F40.0) oder "Agoraphobie mit Panikstörung" (ICD-10: F40.01). Bei einer Agoraphobie mit Panikstörung, treten nicht nur die phobischen Ängste auf, sondern auch plötzliche und unerwartete Angstanfälle, welche mit Symptomen einhergehen, die von der betroffenen Person als unangenehm empfunden werden.

 

 

 

generalisierte Angststörung des Kindesalters (ICD-10 : F93.8)

Kinder die von dieser Form der Angststörung betroffen sind, zeigen häufig übermäßig intensive und oft unbegründete Sorgen in verschiedenen Bereichen ihres Lebens (z.B. Schulleistungen, Sportwettbewerbe).

 

Oftmals sind sie nicht dazu in der Lage ihre Sorgen zu kontrollieren und damit fertig zu werden, was dazu führen kann, dass sie sich über einen längeren Zeitraum hinweg nervös fühlen und nicht dazu in der Lage sind, sich zu entspannen. Außerdem fühlen sie sich durch ihre Ängste und Sorgen oft erschöpft und müde, sie können sich schlecht konzentrieren, sind leicht reizbar, weisen Schlafstörungen auf oder auch Muskelverspannungen. Viele Kinder neigen auch dazu Nägel zu kauen oder Haare zu drehen wenn sie sich Sorgen über etwas machen oder Grübeln.

 

Kinder mit einer generalisierten Angststörung zeichnen sich weiterhin dadurch aus, dass sie ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung haben und stets Rückmeldung über ihre erbrachten Leistungen brauchen. Zudem weisen sie häufig ein geringes Selbstvertrauen und geringe Selbstwirksamkeitserwartungen auf.

 

Sie neigen dazu viele Situationen zu katastrophieren, Ereignisse die mehrdeutig sind als bedrohlich zu interpretieren und negative Konsequenzen, die ein Ereignis nach sich ziehen könnte, zu überschätzen.

 

Epidemiologie

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen des Kindes- und Jugendalters und weisen eine hohe Komorbidität untereinander auf.

Besonders bei der generalisierten Angststörung treten in der überwiegenden Anzahl der Fälle noch andere Angststörungen mit auf.

Kinder die an einer Trennungsangst leiden zeigen häufig auch Symptome einer spezifischen Phobie oder einer Sozialphobie.

Außerdem lässt sich auch eine hohe Komorbidität  zwischen Angststörungen und depressiven Störungen sowie Störungen des Sozialverhaltens feststellen.

 

Mädchen scheinen Studien zufolge häufiger unter Angststörungen zu leiden als Jungen.

 

Wann eine Angststörung beginnt ist je nach Art der Störung unterschiedlich. Während Trennungsängste und spezifische Phobien bereits in sehr jungem Alter auftreten können (Kleinkindalter), treten soziale Phobien und generalisierte Angststörungen erst verstärkt in der Adoleszenz auf.

Agoraphobien haben ihren Erstauftretungsgipfel dagegen im jungen Erwachsenenalter.

Ätiologie

Einer der einflussreichsten Ansätze zur Ätiologie von Angststörungen war über einen langen Zeitraum hinweg die Zwei-Faktoren-Theorie von Mowrer (1960). Bei den beiden Faktoren handelte es sich zum Einen um die klassische und zum Zweiten um die operante Konditionierung.

Mowrer ging davon aus, dass ein ursprünglich neutraler Reiz durch zum Beispiel ein traumatisches Ereignis mit einem zentralen Angstzustand assoziiert wird (klassisches konditionieren). Die anschließende Vermeidung dieses Reizes wird dann dadurch verstärkt, dass der unangenehme Zustand durch die Vermeidung abgebaut wird (operantes konditionieren).

 

Ein zweiter Ansatz welcher sich mit der Aufrechterhaltung von Angststörungen befasst, ist das kognitive Modell (Kendall & Ronen, 1990). Dieses Modell enthält zwei wichtige Elemente: zum Einen die Überaktivierung von Gefahrenschemata und zum Anderen kognitive Defizite und Verzerrungen.

Das führt dazu, dass ängstliche Kinder häufig Gefahren überschätzen, zum katastrophieren neigen, Coping-Möglichkeiten sowie Kontrollmöglichkeiten unterschätzen und eine Tendenz zu negativer Selbstverbalisation aufweisen.

 

Weitere Risikofaktoren sind eine familiäre Disposition, die Temperamentseigenschaft "Verhaltenshemmung", ein unsicherer Bindungsstil, ein überbehütender oder kontrollierender elterlicher Erziehungsstil sowie mangelnde emotionale Wärme und Feinfühligkeit durch die Eltern.

 

Diagnostik

Es gibt eine Reihe von deutschsprachigen Fragebögen welche der Erfassung spezifischer Angststörungen im Kindes- und Jugendalter dienen, dazu zählen unter anderem:

  • - PHOKI - "Phobiefragebogen für Kinder und Jugendliche" (Döpfner et al.)
  • - CASI - "Childhood Anxiety Sensitivity Index" (Schneider & Silverman)
  • - SPAIK - "Sozialphobie und -angstinventar für Kinder" (Melfsen et al.)
  • - KAT-II - "Kinder-Angst-Test II" ( Thurner & Tewes, 2000)

Der "Behavioral Avoidance Test" eignet sich zur Beobachtung phobischer Verhaltensweisen bei Kindern und der Kinder-DIPS kann eingesetzt werden zur differenzierten Diagnostik nach ICD-10 und DSM-IV.

 

 

Quellen und Literaturempfehlungen

Essau, C.A., Conradt, J. & Petermann, F. (2000). Frequency, comorbidity, and psychosocial impairment of specific phobia in adolescents. Journal of Clinical Child Psychology, 29, 221-231.

 

Cronk, N.J., Slutske, W.S., Madden, P.A.F., Buchholz, K.K. & Heath, A.C. (2004). Risk for separation anxiety disorder among girls: paternal absence, socioeconomic disadvantage and genetic vulnerability. Journal of Abnormal Psychology, 113, 237-247.

 

Dallaire, D.H. & Weinraub, M. (2005). Prediciting children´s separation anxiety at age 6: the contributions of infant-mother attachment security, maternal sensitivity, and maternal separation anxiety disorder. Attachment and Human Development, 7, 393-408.

 

Kendall, P.C. (1994). Treating anxiety disorders in youth: results of a randomised clinical trail. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 62, 100-110.

 

Wood, J.J. (2006). Parental intrusiveness and children´s separation anxiety in a clinical sample. Child Psychiatry and Human Development, 37, 73-87.